Liederwerkstatt Luitz-Schaffer

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Der Apfelbaum am Ziegelofen
Wo die Häuserzeilen schwinden,
ausgesetzt vermehrt den Winden,
wo die Gärten Feldern weichen,
nah ans Dorf die Füchse streichen,
wo aus Straßen Wege werden
und Asphalt zu Kies und Erden,
dort zu sehn kannst du noch hoffen
den Apfelbaum am Ziegelofen.
Wo dereinst den Lehm man brannte,
ob für Nachbarn, für Verwandte,
wo sich schäbig Keuschen duckten,
Keuschlerarme krampfhaft zuckten,
wo das alles längst geschwunden,
nichts gemahnt mehr jener Stunden,
dort im Feld steht noch ganz offen
der Apfelbaum am Ziegelofen.
Wo die Baumstatt sich erstreckte,
Obstbau man und Rast bezweckte,
wo die Keuschen mit den Bäumen
längst nicht mehr den Ortsrand säumen,
wo mit trotz´gem Sinn und starrem
einer aushielt im Beharren,
hat ihn auch manch Los getroffen,
den Apfelbaum am Ziegelofen.
Wenn den Traktor er auch hindert
und den Wert des Ackers mindert,
wenn auch Jahr für Jahr im Bogen
wird die Pflugschar krumm gezogen,
wenn gar dorren Ast und Zweige,
Fruchtbarkeit selbst geht zur Neige,
dann sogar darf lang noch hoffen
der Apfelbaum am Ziegelofen.


Tauwetter


Überm Weiher ganz leis
laufen Risse durchs Eis
Nimmer lang trägt die Schicht
wenn sie erst mal zerbricht
Und was winters erstarrt
bleibt nicht lange mehr hart
Dunkel unten, drauf weiß
gibt der Weiher sich preis
Schlüpft der Märzsonnenstrahl
bis ins hinterste Tal
Weht der lenztrunkne Wind
über Wiesen ganz lind
Schmilzt der Taumond gar bald
Schnee von Feldern und Wald
Laufen Risse ganz leis
überm Weiher durchs Eis
Winterdürr steht das Rohr
hinterm Teich und davor
Nimmer starr sondern nass
quillt im Sumpf braunes Gras
Und die Wolken von Laich
schweben wartend und weich
aus dem Dunkel ganz leis
zu den Rissen im Eis
Zwischen uns auch ganz leis
laufen Risse durchs Eis
Nimmer lang trennt die Schicht
wenn sie erst mal zerbricht
Und was winters erstarrt
bleibt nicht lange mehr hart
Was uns trennte, gib preis
schmilz es fort mit dem Eis


traditionelle Lyrik


Du, Feber-Nebel
Du, Feber-Nebel, trügerisches Lethe,
bietest Vergessen uns, den Traum vom Nichts,
und weckst ein Sehnen, die Gebete
sei´n entledigt des Gewichts.
Feber-Nebel, zarter Mantel,
hüll´ unsere Gedanken ein,
unsern ruhlos Lebenswandel
decke dein verteiltes Sein.
Feber-Nebel, deine Schleier,
die verdichte noch viel milder,
denn das Fehlen aller Bilder
macht mein Sehnen immer freier,
und es lässt auf eins mich hoffen:
Das große Tor ins Nichts sei offen!


Du alte Hecke
Tot rankst du dich hinan, du alte Hecke.
Vom Weine, den du gabst, nippt keiner mehr.
Mir scheint, als ob die Trauben ich noch schmecke,
scharf ihre Süße, dann die Glieder schwer.
Oft schnitt ich, Rebe, dich. Der glatten Wunde
entquoll noch einmal Saft: dein Abschiedsgruß,
gepresst mit letzter Kraft. Aus trauter Runde
folgt nun auch dein Lebwohl. Mich schmerzt das Muss!
Wie vielen Männern vor mir und auch Frauen
gabst du die Kraft und schenktest du den Mut!
Du bildetest - der Ahnung darf ich trauen -
der längst Vergang´nen und das mir vererbte Blut.
Die neu gesetzten Reben sind von andrer Art.
Wohl: Knospen, grünes Laub und Blüten treiben sie.
Und falls einst meine Kinder ihre Ranken streifen, zart,
gedenkend mancher Traube, jedoch deiner nie ...


experimentelle Lyrik


Wintersonne
Wintersonnenleis
Birkenborkenweiß
Dachflächenfirn
Lichtstrahlenschwirr´n
Wintersonnenmild
Hollerstaudenwild
Pfostenhaubengupf
Augenanhaltstupf
Wintersonnenträg
Schlehensträucherschräg
Schattengitternetz
Eisplattenplätz´
Wintersonnenlind
Föhrenzapfenkind
Vogelweitverschleppt
Ofenüberlebt
Wintersonnenhold
Lärchennadelgold
Baumscheibengroß
Hingehauchtnurbloß
Wintersonnensanft
Stengelfeldverhanft
Ernteüberrest
Sturmgetösefest
Wintersonnenzart
Fichtenflechtenbart
Stempenspreizgewirr
Harzentzogendürr
Wintersonnenhell
Hagebuttengrell
Jännerfrostgereift
Nebelreifgestreift
Wintersonnentief
Trauerweidenschief
Rutenraubgedarbt
Knorpeldickvernarbt
Wintersonnentrüb
Mistelküssedieb
Zeitenwendefest
Liebesdaunennest


Der Neumond und das Ichneumon
"Du, Neumond", sprach das Ichneumon,
"was - lief dein D dir mal davon?
Wär´n dann wir Zwei nicht nah verwandt?"
"Käme mein D mir so abhand",
bedenkt der Mond, "und hing´s an dir,
wärst du ein -mond und ich ein Tier."
Verschämt meint´s Tier da: "Oder gar
würd´ aus uns Zweien dann ein Paar?
So geht es oft mit Ich und Du."
Der Mond nennt draufhin: "Müllers Kuh!"
Vor Eifersucht ist - allerhand! -
das Tier dann schnell davongerannt.
Der Neumond denkt: "Das D fehlt nicht.
Was fehlt mir, ist allein das Licht."
Dann deckt ihn eine Wolke zu;
jetzt hat von alledem er Ruh.